Startseite » Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 8: Grauzonenstrategie und Salami Slicing – wie Kontrolle Schritt für Schritt entsteht
Themenserien

Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 8: Grauzonenstrategie und Salami Slicing – wie Kontrolle Schritt für Schritt entsteht

Verfasser: Ralf Meschke.

In der West Philippine Sea entscheidet sich der Konflikt nicht nur bei großen diplomatischen Krisen, Gerichtsurteilen oder militärischen Konfrontationen. Häufig verändert sich die Lage nicht durch einen einzigen großen Schritt, sondern schrittweise: durch zusätzliche Patrouillen, Blockaden, Wasserwerfer, Barrieren, Bojen, Forschungsschiffe, Verwaltungsmaßnahmen oder zivil wirkende Schiffe.

Jede einzelne dieser Maßnahmen kann begrenzt erscheinen. In ihrer Summe können sie jedoch Zugänge erschweren, neue Gewohnheiten schaffen und den Eindruck festigen, dass ein Gebiet praktisch von einer Seite kontrolliert wird.

Genau diese Art der Auseinandersetzung wird häufig als Grauzonenstrategie bezeichnet. Teil 7 dieser Serie hat gezeigt, warum der Schiedsspruch von 2016 die tatsächliche Lage auf See nicht automatisch veränderte. Teil 8 beschäftigt sich nun mit der Methode, mit der Kontrolle auch unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges aufgebaut, ausgeweitet oder abgesichert werden kann.

Was bedeutet Grauzonenstrategie?

„Grauzone“ bedeutet nicht, dass dort kein Recht gilt oder alles rechtlich unklar wäre.

Der Begriff beschreibt vielmehr politische und operative Maßnahmen, die zwischen normaler Diplomatie und offenem bewaffnetem Konflikt liegen. Sie können erheblichen Druck erzeugen und strategische Ziele verfolgen, bleiben aber möglichst unterhalb einer Schwelle, bei der die Gegenseite mit militärischer Gewalt reagieren würde.

Für die West Philippine Sea ist diese Logik besonders wichtig.

Ein einzelnes Küstenwachschiff, das ein anderes Schiff verfolgt, verändert noch keine regionale Ordnung. Ein einzelner Wasserwerfereinsatz ebenfalls nicht. Wenn solche Handlungen jedoch regelmäßig stattfinden, wenn eine Seite dauerhaft mit mehreren Schiffen präsent ist, Zugänge kontrolliert und ihre eigenen Vorschriften durchzusetzen versucht, kann daraus eine neue faktische Normalität entstehen.

Grauzone ist deshalb weniger ein einzelnes Ereignis als ein wiederkehrendes Muster.

Grafik 1: Was ist eine Grauzonenstrategie? – Druck unterhalb der Schwelle eines offenen bewaffneten Konflikts.

Was bedeutet „Salami Slicing“?

Der Ausdruck „Salami Slicing“ beschreibt denselben Mechanismus aus einer anderen Perspektive.

Statt eine große Veränderung auf einmal durchzusetzen, wird die Lage in vielen kleinen Schritten verändert – bildlich gesprochen Scheibe für Scheibe.

Ein einzelner Schritt erscheint möglicherweise nicht bedeutend genug, um eine große Gegenreaktion auszulösen:

  • ein zusätzliches Patrouillenschiff
  • eine neue Boje
  • eine schwimmende Plattform
  • eine kurzzeitige Blockade
  • eine neue Verwaltungsregel
  • ein Forschungs- oder Vermessungsschiff
  • die Behinderung eines einzelnen Versorgungseinsatzes

Der strategische Effekt entsteht erst aus der Wiederholung und Kombination.

Aus gelegentlicher Präsenz kann regelmäßige Präsenz werden. Aus regelmäßiger Präsenz kann Überwachung entstehen. Aus Überwachung können Zugangskontrolle und schließlich ein faktischer Anspruch auf Verwaltung werden.

Grafik 2: Werkzeuge der Grauzone – Küstenwache, Maritime Militia, Barrieren und Bojen, Forschungs- und Vermessungsschiffe, Verwaltungsmaßnahmen, Informationspolitik und Militär im Hintergrund.

Warum Küstenwache statt Marine?

Ein besonders wichtiges Instrument ist die China Coast Guard.

Das hat einen einfachen Grund: Ein Kriegsschiff sendet bereits durch seine Erscheinung ein militärisches Signal. Ein Küstenwachschiff kann dagegen als Instrument staatlicher Rechtsdurchsetzung auftreten.

Es kann Schiffe kontrollieren, begleiten, verfolgen, abdrängen oder blockieren. Es kann Wasserwerfer einsetzen oder eine Einfahrt versperren. Peking kann solche Handlungen zugleich als normale Durchsetzung chinesischer Gesetze darstellen.

Diese Konstruktion besitzt einen strategischen Vorteil: Die Gegenseite muss entscheiden, ob sie auf eine vermeintliche „Polizeimaßnahme“ mit eigenen Behördenfahrzeugen reagiert – oder ob sie militärische Kräfte einsetzen und damit selbst die Eskalationsschwelle erhöhen will.

Die Entwicklung im Jahr 2026 deutet darauf hin, dass China genau diese Ebene stärker gewichtet.

Nach Angaben der philippinischen Streitkräfte wurden im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 77 unterschiedliche Schiffe der China Coast Guard beobachtet – neun mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig registrierten die Philippinen weniger chinesische Marineschiffe und Schiffe der Maritime Militia. Militärsprecher Roy Vincent Trinidad sieht darin eine stärkere Verlagerung auf Aufgaben, die China als maritime Rechtsdurchsetzung bezeichnet.

Das bedeutet nicht, dass die chinesische Marine verschwunden wäre.

Es deutet vielmehr auf eine Verschiebung der sichtbaren Frontlinie hin: Küstenwache und andere nicht unmittelbar militärisch wirkende Plattformen übernehmen einen größeren Teil des täglichen Drucks.

Küstenwache vorne – Militär dahinter

Wie eng beide Ebenen miteinander verbunden sein können, zeigte der 1. August 2026 am Scarborough Shoal.

Nach chinesischen Angaben führte die Volksbefreiungsarmee dort gemeinsame Luft- und Seepatrouillen beziehungsweise Gefechts-übungen durch. Gleichzeitig meldeten staatliche chinesische Medien Übungen der China Coast Guard zur Durchsetzung maritimer Rechte und Gesetze in derselben Region.

Damit zeigt sich ein wichtiges Muster:

Die Küstenwache kann im Vordergrund als Rechtsdurchsetzungsorgan auftreten, während die militärische Fähigkeit im Hintergrund sichtbar bleibt.

Das senkt nicht unbedingt die tatsächliche Macht hinter einer Maßnahme. Es verändert aber ihre politische Verpackung.

Für die Philippinen entsteht dadurch ein schwieriges Reaktionsproblem. Gegen ein Küstenwachschiff kann Manila seinerseits die Philippine Coast Guard schicken. Doch wenn im Hintergrund chinesische Marine- und Luftstreitkräfte operieren, ist klar, dass hinter einer scheinbar zivilen Vollzugsmaßnahme erheblich größere militärische Fähigkeiten stehen.

Die Größenverhältnisse auf dem Wasser sind Teil der Strategie

Teil 7 hat bereits gezeigt, dass chinesische Küstenwachschiffe den philippinischen Einheiten häufig physisch überlegen sind.

Diese Größenunterschiede sind nicht bloß technische Details.

Ein größeres Schiff kann länger auf See bleiben und besitzt häufig mehr Reichweite. Bei engem Abdrängen oder Blockieren verschafft ihm vor allem seine größere Masse einen erheblichen physischen Vorteil gegenüber kleineren Fahrzeugen. Selbst Maßnahmen unterhalb des Einsatzes von Schusswaffen – etwa Blockieren oder der Einsatz von Wasserwerfern – können dadurch eine erhebliche Wirkung entfalten.

Gerade deshalb kann die China Coast Guard erheblichen Zwang ausüben, ohne dass eine Situation äußerlich wie ein militärischer Angriff aussieht.

Chinesisches Küstenwachschiff beim Wasserwerfereinsatz gegen ein philippinisches Schiff. Foto: Philippine Coast Guard; Ausschnitt aus dem bereits in Teil 7 verwendeten PCG-Bildmaterial.

Maritime Militia: zivile Schiffe mit staatlicher Funktion

Noch schwieriger wird die Einordnung bei der sogenannten Maritime Militia.

Dabei darf nicht der Eindruck entstehen, jeder chinesische Fischer im Südchinesischen Meer sei automatisch Teil einer staatlich gelenkten Miliz. Das wäre falsch.

Es gibt jedoch Schiffe und Verbände, bei denen Analysen und Satellitenbeobachtungen auf organisierte, staatlich unterstützte maritime Milizstrukturen hinweisen. Solche Schiffe können wie kommerzielle Fischereifahrzeuge erscheinen, aber über längere Zeiträume in umstrittenen Gebieten verbleiben, sich in Gruppen sammeln und staatliche Operationen unterstützen.

Für eine Grauzonenstrategie sind solche Einheiten besonders attraktiv.

Ein Kriegsschiff lässt sich eindeutig als militärisches Instrument erkennen. Ein vermeintliches Fischereischiff erzeugt dagegen eine zusätzliche politische und rechtliche Unsicherheit: Wie reagiert man angemessen auf ein ziviles Schiff, wenn dessen Verhalten gleichzeitig strategische Wirkung entfaltet?

Diese Mehrdeutigkeit ist ein Kernelement von Grauzonenoperationen.

Scarborough: vom Standoff zur neuen Normalität

Scarborough Shoal ist eines der deutlichsten Beispiele dafür, wie sich tatsächliche Kontrolle schrittweise verändern kann.

Nach dem Standoff von 2012 blieb China mit Küstenwachschiffen am Riff präsent. Seitdem wird das Gebiet von Peking faktisch kontrolliert, obwohl das Tribunal 2016 die territoriale Souveränität über Scarborough nicht entschied.

Was zunächst als Konfrontation begann, entwickelte sich über Jahre zu einem Zustand, bei dem chinesische Küstenwachschiffe regelmäßig rund um das Riff operieren und beeinflussen können, wer sich ihm nähert.

2025 und 2026 nahm diese Präsenz nochmals erheblich zu. Damit wird Scarborough zu einem Lehrbeispiel für Salami Slicing:

Nicht ein einzelner dramatischer Akt schuf die heutige Situation. Entscheidend war die Dauerhaftigkeit.

Barrieren und Bojen: kleine Objekte mit großer Bedeutung

Auch scheinbar unspektakuläre Gegenstände können Teil dieser Strategie sein.

Schwimmende Barrieren können Zufahrten blockieren. Bojen markieren Präsenz und können als sichtbares Zeichen einer beanspruchten Zuständigkeit dienen. Sie verändern noch keine Seegrenze und begründen für sich genommen keine Souveränität.

Politisch können sie jedoch eine Botschaft vermitteln:

Wir sind hier. Wir verwalten dieses Gebiet. Wir entscheiden, was hier geschieht.

Genau deshalb ist bei solchen Maßnahmen weniger das einzelne Objekt interessant als die Frage, ob es Teil eines größeren Musters wird.

Verwaltungsvorschriften als Instrument tatsächlicher Kontrolle

Ein weiterer Schritt ist die Verbindung von physischer Präsenz mit administrativen Maßnahmen.

China erklärte im September 2025 am Scarborough Shoal ein Naturschutzgebiet. Philippinische Fischer befürchteten daraufhin, dass chinesische Behörden Umweltschutzvorschriften nutzen könnten, um ihre traditionellen Fangmöglichkeiten weiter einzuschränken. Peking stellte die Maßnahme als Schutz des Ökosystems dar; Manila kritisierte sie als unzulässige Ausübung chinesischer Zuständigkeit.

Im August 2026 kündigten chinesische Stellen erneut verstärkte Patrouillen und Kontrollmaßnahmen rund um Scarborough Shoal an.

Damit entsteht eine weitere Dimension von Grauzonenstrategie:

Es geht nicht mehr nur darum, physisch anwesend zu sein.

Es geht darum, Vorschriften zu erlassen und anschließend so aufzutreten, als besitze man die unbestrittene Zuständigkeit, diese Regeln durchzusetzen.

Das kann langfristig erheblich wichtiger sein als ein einzelner Wasserwerfereinsatz.

Forschungsschiffe: Wissenschaft oder strategische Präsenz?

Eine weitere aktuelle Entwicklung betrifft chinesische Forschungs- und Vermessungsschiffe.

Die philippinischen Streitkräfte registrierten im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 44 unterschiedliche chinesische Forschungs- und Vermessungsschiffe, nach 33 im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Wie viele einzelne Einsätze diese Schiffe absolvierten, wurde nicht angegeben. Bei 16 der 44 Schiffe deuteten auffällige Bewegungsmuster nach philippinischer Einschätzung auf mögliche Erkundungs- oder Vermessungsaktivitäten hin.

Das allein macht ein Forschungsschiff noch nicht zu einem Grauzoneninstrument.

Wissenschaftliche Forschung und hydrographische Vermessung sind legitime maritime Tätigkeiten. Entscheidend sind Ort, Genehmigungspflichten, konkrete Aktivität und die Frage, ob solche Einsätze mit territorialen oder maritimen Ansprüchen verbunden werden.

Gerade deshalb sind Forschungsschiffe analytisch interessant.

Sie können Daten über Meeresboden, Strömungen, Wassertiefen oder andere maritime Eigenschaften sammeln. Solche Informationen besitzen zivile Bedeutung, können aber ebenso für Navigation, Ressourcennutzung oder militärische Planung relevant sein.

Wenn Forschungsaktivitäten mit Küstenwachpräsenz, Verwaltungsmaßnahmen und territorialen Ansprüchen kombiniert werden, entsteht eine weitere Ebene der faktischen Nutzung eines Gebietes.

Die schwimmende Plattform am Scarborough Shoal

Ein besonders anschauliches Beispiel lieferte das Frühjahr 2026.

Im Mai wurde innerhalb der Lagune des Scarborough Shoal eine etwa sechs mal sechs Meter große schwimmende chinesische Plattform gesichtet. China erklärte sie später zu einer temporären Forschungseinrichtung zur Untersuchung des Ökosystems.

Die Plattform wurde im Juni wieder entfernt.

Gerade weil sie nicht dauerhaft blieb, ist der Vorgang für die Grauzonenanalyse interessant.

Eine permanente Konstruktion hätte eine erheblich größere internationale Reaktion ausgelöst. Eine temporäre Forschungsplattform kann dagegen zunächst als begrenzte wissenschaftliche Maßnahme dargestellt werden.

Unabhängig von der tatsächlichen chinesischen Absicht lässt sich an einem solchen Vorgang beobachten, welche Reaktionen bereits eine vorübergehende Nutzung auslöst:

  • Wie reagiert Manila?
  • Wie reagieren die USA?
  • Wie groß ist der diplomatische Widerstand?
  • Welche Form chinesischer Nutzung wird international noch toleriert?

Das heißt nicht, dass jede temporäre Forschungsplattform automatisch Teil eines langfristigen Plans sein muss.

Aber sie zeigt, wie sich Präsenz unterhalb der Schwelle einer dauerhaften baulichen Besetzung ausweiten lässt.

Druck kann gleichzeitig an mehreren Orten entstehen

Grauzonenstrategie ist außerdem nicht auf einen einzigen Brennpunkt beschränkt.

Für die Woche vom 11. bis 17. August 2026 meldeten philippinische Stellen:

  • 11 Schiffe der China Coast Guard bei Ayungin Shoal
  • sieben CCG-Schiffe und drei Schiffe der chinesischen Marine bei Scarborough Shoal
  • zwei CCG-Schiffe im Bereich Pag-asa

Damit wurden an diesen drei Orten gleichzeitig 23 chinesische staatliche Schiffe beobachtet.

Das ist strategisch wichtig.

Die Philippinen müssen nicht nur auf eine einzelne Konfrontation reagieren. Sie müssen gleichzeitig mehrere weit auseinanderliegende Gebiete beobachten und eigene Schiffe bereitstellen.

Schon die Fähigkeit, an mehreren Brennpunkten parallel dauerhaft präsent zu sein, erzeugt Druck.

Grafik 3: Druck an mehreren Brennpunkten gleichzeitig. Die Darstellung zeigt einen Ausschnitt der philippinisch-chinesischen Auseinandersetzung; weitere Anspruchsteller und Konfliktgebiete im Südchinesischen Meer sind nicht dargestellt.

Ayungin: nicht immer Eskalation

Grauzonenstrategie bedeutet allerdings nicht, dass jede Begegnung zwangsläufig eskalieren muss.

Das zeigt Ayungin Shoal.

Nach der schweren Konfrontation im Juni 2024 einigten sich Manila und Peking im Juli desselben Jahres auf eine provisorische Verständigung für philippinische Rotations- und Versorgungsmissionen zur BRP Sierra Madre.

Nach Angaben des philippinischen Außenministeriums ermöglichte diese Verständigung innerhalb von zwei Jahren 15 Versorgungsmissionen ohne Zwischenfall.

Das ist ein wichtiger Gegenpunkt.

Selbst in einem ausgeprägten Grauzonenkonflikt können praktische Vereinbarungen funktionieren und operative Risiken reduzieren.

Sie lösen allerdings nicht den zugrunde liegenden Streit.

Das DFA betont ausdrücklich, dass die Verständigung weder eine chinesische Genehmigung für philippinische Versorgungsmissionen voraussetzt noch philippinische souveräne Rechte aufgibt.

Nach zwei ruhigen Jahren reicht ein Zwischenfall

Genau darin liegt eine weitere Besonderheit der Grauzone.

Ein Mechanismus kann über lange Zeit funktionieren – und dennoch innerhalb weniger Minuten wieder unter erheblichen Druck geraten.

Nach den 15 weitgehend störungsfreien Missionen kam es im Juli 2026 erneut zu einer gewaltsamen Begegnung am Ayungin Shoal.

Damit ist der Konflikt nicht einfach in zwei Zustände einzuteilen – Frieden oder Eskalation.

Vielmehr kann die Lage über Monate vergleichsweise ruhig sein und anschließend wieder sehr schnell kippen.

Recht kann selbst Teil des Machtkampfes werden

Neben Schiffen, Wasserwerfern und Barrieren existiert eine weniger sichtbare Ebene: die Nutzung von Gesetzen, Karten, Verwaltungsvorschriften und juristischen Argumenten.

Für die strategische Nutzung rechtlicher Mittel wird in der sicherheitspolitischen Debatte häufig der englische Begriff „Lawfare“ verwendet.

Der Begriff sollte allerdings vorsichtig benutzt werden.

Nicht jede juristische Argumentation eines Staates ist automatisch Lawfare. Staaten dürfen ihre Rechtspositionen vertreten, Karten hinterlegen, diplomatische Noten verfassen und internationale Verfahren nutzen.

Für die Grauzonenanalyse wird es dort interessant, wo rechtliche oder administrative Maßnahmen mit tatsächlicher Präsenz verbunden werden:

Ein Staat beansprucht ein Gebiet, erlässt dort eigene Regeln, schickt Küstenwachschiffe zur Durchsetzung dieser Regeln und behandelt das Gebiet dadurch zunehmend wie einen normalen Bestandteil seiner eigenen Zuständigkeit.

Das Recht wird dann nicht nur zur Begründung einer Position genutzt, sondern als Teil einer praktischen Normalisierung von Kontrolle.

Informationspolitik kann Teil der Grauzonenstrategie sein

Auch der Kampf um Bilder und öffentliche Wahrnehmung gehört dazu.

Die Philippinen setzen seit 2023 stärker auf Transparenz: Fotos, Videos und Journalisten sollen dokumentieren, was auf See geschieht.

China versucht seinerseits, seine Maßnahmen als legitime Rechtsdurchsetzung darzustellen und die philippinische Seite als Provokateur zu präsentieren.

Das in Teil 7 behandelte China-Daily-Video zum zehnten Jahrestag des Awards zeigt, wie weit dieser Informationskampf reichen kann.

Die entscheidende Frage lautet dabei:

Welche Geschichte über einen Vorfall setzt sich durch?

Denn internationale Unterstützung hängt nicht nur von juristischen Dokumenten ab. Sie hängt auch davon ab, welche Bilder und Darstellungen andere Staaten und deren Öffentlichkeit erreichen.

Warum die Gegenseite so schwer reagieren kann

Die Stärke einer Grauzonenstrategie liegt gerade darin, dass jede einzelne Handlung eine unangenehme Entscheidung erzwingt.

Reagiert Manila gar nicht, kann sich die neue Situation verfestigen.

Reagiert es mit eigenen Küstenwachschiffen, kann es zu gefährlichen Manövern kommen.

Reagiert es militärisch, besteht das Risiko, dass die Philippinen selbst als Seite erscheinen, die einen Konflikt eskaliert.

Auch für die USA entsteht dieses Problem.

Washington hat seine Verteidigungsverpflichtungen gegenüber den Philippinen mehrfach sehr deutlich bekräftigt. Gleichzeitig wird nicht im Voraus für jede Kollision, jeden Wasserwerfereinsatz oder jede Blockade festgelegt, wann genau die Schwelle zum bewaffneten Angriff überschritten ist.

Damit bleibt ein erheblicher Bereich unterhalb des offenen Bündnisfalls – genau jener Raum, in dem Grauzonenstrategien besonders wirksam sein können.

Grauzone bedeutet nicht Rechtsfreiheit

Bei aller Verwendung des Begriffs darf ein Punkt nicht verloren gehen:

„Grauzone“ ist eine strategische Beschreibung, keine rechtliche Kategorie, die Handlungen automatisch erlaubt.

Ein Wasserwerfereinsatz kann rechtlich anders bewertet werden als eine normale Patrouille. Eine absichtliche Kollision anders als eine gefährliche Annäherung. Ein militärischer Angriff wiederum anders als eine Blockade durch Küstenwachschiffe.

Deshalb muss jeder konkrete Vorfall einzeln geprüft werden.

Die Bezeichnung „Grauzonenstrategie“ erklärt die Methode und das Muster – sie ersetzt keine rechtliche Bewertung.

Viele kleine Schritte können große Wirkung entfalten

Das ist letztlich die Logik des Salami Slicing.

Eine solche Veränderung muss nicht durch einen einzigen großen Schritt erfolgen.

Wenn über Jahre hinweg mehrere der folgenden Entwicklungen zusammenkommen,

  • die eigene Küstenwache immer häufiger präsent ist
  • Fischer der Gegenseite ausweichen
  • Versorgungsschiffe regelmäßig kontrolliert oder behindert werden
  • eigene Bojen und Plattformen auftauchen
  • nationale Vorschriften auf ein umstrittenes Gebiet angewendet werden
  • Forschungs- und Vermessungsaktivitäten stattfinden
  • die Gegenseite ihre Einsätze auf diese Präsenz abstimmen muss

kann in der Summe eine Situation entstehen, in der sich die praktische Realität erheblich verändert hat, obwohl kein einzelner Schritt für sich wie eine territoriale Übernahme aussah.

Genau das ist die strategische Gefahr der Grauzone.

Grafik 4: Salami Slicing – Schritt für Schritt zur neuen Normalität.

Der nächste Schritt: Wo geschieht das konkret?

Die Grauzonenstrategie ist kein abstraktes Konzept.

Sie zeigt sich an ganz bestimmten Orten – und an jedem dieser Orte etwas anders.

Am Scarborough Shoal geht es stark um Fischerei, Zugang und chinesische Küstenwachpräsenz.

Am Ayungin Shoal stehen die BRP Sierra Madre und ihre Versorgung im Mittelpunkt.

Am Escoda beziehungsweise Sabina Shoal geht es um Präsenz und die Gefahr einer schrittweisen Veränderung der tatsächlichen Lage.

Bei Reed Bank stehen Energie und Rohstoffe im Vordergrund.

Und Pag-asa ist ein dauerhaft bewohnter und von den Philippinen kontrollierter Außenposten inmitten eines stark umkämpften Raums.

Teil 9 dieser Serie beschäftigt sich deshalb mit den wichtigsten Brennpunkten der West Philippine Sea – wo sie liegen, warum sie wichtig sind und welche Form des Konflikts dort jeweils sichtbar wird.

Quellen:

Inquirer.net – China shifting West PH Sea presence toward coast guard, research ships
https://www.inquirer.net/484991/china-shifting-west-ph-sea-presence-toward-coast-guard-research-ships/

Reuters – China conducts naval, air patrols around disputed shoal in South China Sea, 1 August 2026
https://www.reuters.com/world/china/china-conducts-naval-air-patrols-around-disputed-shoal-south-china-sea-2026-08-01/

Reuters – Philippine fishermen fear China’s nature reserve plan could lead to more harassment, 12 September 2025
https://www.reuters.com/world/china/philippine-fishermen-fear-chinas-nature-reserve-plan-could-lead-more-harassment-2025-09-12/

West Philippine Sea News – West Philippine Sea Situation Report (SITREP), August 14–23, 2026
https://wps.news/2026/08/23/west-philippine-sea-situation-report-sitrep-august-14-23-2026/

Philippine News Agency – DFA on Ayungin provisional arrangement / 15 incident-free missions
https://www.pna.gov.ph/articles/1281085

► Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen

► Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 1: Warum das Südchinesische Meer für die Philippinen so wichtig ist

► Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 2: Historische Ansprüche und Nine-Dash Line

► Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 3: UNCLOS einfach erklärt

► Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 4: Scarborough Shoal 2012 – Der Wendepunkt

► Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 5: Warum Manila den Rechtsweg wählte

► Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 6: Der Schiedsspruch von 2016 – was das Tribunal tatsächlich entschied

► Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 7: Warum das Urteil den Konflikt nicht beendet hat