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Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 7: Warum das Urteil den Konflikt nicht beendet hat

Verfasser: Ralf Meschke.

Der Schiedsspruch vom 12. Juli 2016 war für die Philippinen ein weitreichender rechtlicher Erfolg. Trotzdem verschwanden weder chinesische Küstenwachschiffe aus der West Philippine Sea noch endeten die Auseinandersetzungen um Scarborough Shoal, Second Thomas Shoal und andere Gebiete. Zehn Jahre später zeigt sich besonders deutlich, wie groß der Abstand zwischen einer rechtlichen Entscheidung und der tatsächlichen Lage auf See sein kann.

Der Grund liegt nicht darin, dass der Schiedsspruch bedeutungslos wäre. Vielmehr sind Rechtslage, politische Strategie und tatsächliche Kontrolle drei verschiedene Dinge. Ein internationales Tribunal kann Rechtsfragen klären. Es besitzt aber keine eigene Küstenwache und keine Vollstreckungsbehörde, die Schiffe zurückschickt, künstliche Inseln abbaut oder eine Partei zur Änderung ihrer Politik zwingt.

Grafik 1: Warum der Schiedsspruch den Konflikt nicht beendet hat – rechtliche Lage, politische Strategie und tatsächliche Kontrolle.

Ein verbindlicher Schiedsspruch – aber keine Vollstreckungsbehörde

Teil 6 dieser Serie hat ausführlich erklärt, was das nach dem UN-Seerechtsübereinkommen UNCLOS gebildete Tribunal 2016 entschied – und was ausdrücklich nicht. Für Teil 7 ist vor allem eine Folge wichtig: Der Award ist zwischen China und den Philippinen in den entschiedenen Fragen endgültig und bindend. Daraus entsteht jedoch kein automatischer Vollstreckungsmechanismus auf dem Wasser.

Internationale Entscheidungen wirken deshalb anders als ein Urteil eines nationalen Gerichts, hinter dem Polizei, Behörden und gegebenenfalls ein Gerichtsvollzieher stehen. Sie schaffen einen rechtlichen Maßstab, stärken diplomatische Argumente und können die politischen Kosten eines Verhaltens erhöhen. Ob sich das Verhalten eines Staates tatsächlich ändert, hängt aber zusätzlich von politischer Bereitschaft, internationalen Beziehungen, wirtschaftlichen Interessen, Bündnissen und den Machtverhältnissen vor Ort ab.

Genau dieser Unterschied wurde nach dem 12. Juli 2016 sichtbar.

Duterte setzt zunächst auf Entspannung mit China

Der Schiedsspruch fiel in eine politische Übergangsphase. Das Verfahren war unter Präsident Benigno Aquino III. begonnen worden. Als die Entscheidung veröffentlicht wurde, war Rodrigo Duterte erst seit knapp zwei Wochen im Amt.

Schon wenige Monate später veränderte Duterte den politischen Umgang Manilas mit China deutlich. Bei seinem Staatsbesuch in Peking im Oktober 2016 rückten Dialog, wirtschaftliche Zusammenarbeit und der Versuch, die Beziehungen zu China zu entspannen, in den Vordergrund. Im gemeinsamen philippinisch-chinesischen Kommuniqué betonten beide Regierungen Zurückhaltung, vertrauensbildende Maßnahmen und die friedliche Behandlung der Streitfragen. Zugleich wurde ein regelmäßiger bilateraler Konsultationsmechanismus für das Südchinesische Meer vorbereitet.

Das bedeutete nicht, dass Manila den Schiedsspruch formal aufgab. Die Duterte-Regierung entschied sich zunächst für eine andere politische Nutzung des rechtlichen Erfolgs: weniger öffentlicher Druck auf Peking, mehr bilaterale Gespräche und eine stärkere Trennung der maritimen Streitfragen von anderen Bereichen der Beziehungen zu China.

Scarborough zeigt den Unterschied zwischen Zugang und Kontrolle

Was diese Politik praktisch bewirken konnte – und wo ihre Grenzen lagen –, lässt sich am Scarborough Shoal besonders gut beobachten.

Nach Dutertes China-Reise konnten philippinische Fischer wieder in größerem Umfang in die Umgebung des Riffs zurückkehren. Die Duterte-Regierung erklärte zum ersten Jahrestag des Awards 2017 ausdrücklich, ihre Fischer könnten dort wieder ihrem Lebensunterhalt nachgehen.

Die chinesische Küstenwachpräsenz verschwand jedoch nicht. Damit änderte sich der Zugang für philippinische Fischer, ohne dass Peking seine praktische Möglichkeit verlor, den Zugang zum Riff zu beeinflussen.

Zugang ist nicht dasselbe wie Kontrolle.

Wie dauerhaft dieser Unterschied blieb, wurde zum zehnten Jahrestag des Schiedsspruchs erneut sichtbar. Fischer aus Masinloc berichteten im Juli 2026, dass sie weiterhin von chinesischen Schiffen verdrängt würden und das traditionelle Fanggebiet nur eingeschränkt nutzen könnten.

Die BRP Malabrigo der Philippine Coast Guard neben dem chinesischen Küstenwachschiff CCG 4203 während einer Mission nahe Second Thomas Shoal am 30. Juni 2023. Foto: Philippine Coast Guard / Public Domain (Philippine Government).

Der Award wurde unter Duterte nicht aufgegeben

Die zurückhaltendere China-Politik Dutertes wird gelegentlich so dargestellt, als hätte die Regierung den Award praktisch aufgegeben. Das greift zu kurz.

Zum ersten Jahrestag erklärte das philippinische Außenministerium 2017 ausdrücklich, die Regierung halte an den territorialen Ansprüchen und maritimen Rechten des Landes fest. Gleichzeitig betonte Manila gute nachbarschaftliche Beziehungen und Dialog mit China.

Diese Doppelstrategie prägte große Teile der Duterte-Zeit: Der Award blieb als rechtliche Grundlage bestehen, stand aber politisch über längere Phasen nicht im Mittelpunkt der Beziehungen zu Peking.

Ein bilateraler Mechanismus sollte Konflikte beherrschbarer machen

Im Mai 2017 trat erstmals der Bilateral Consultation Mechanism on the South China Sea, kurz BCM, zusammen. Der Mechanismus sollte Vertrauen aufbauen, maritime Zusammenarbeit fördern und ermöglichen, aktuelle Streitpunkte regelmäßig auf diplomatischer Ebene zu besprechen.

Er war jedoch kein Instrument zur Vollstreckung des Schiedsspruchs.

Damit bestanden zwei Ebenen nebeneinander: Der Award bestimmte einen rechtlichen Maßstab. Der bilaterale Mechanismus sollte den politischen Umgang mit den weiterhin bestehenden Konflikten organisieren.

Marcos Jr. rückt den Award wieder stärker ins Zentrum

Mit dem Amtsantritt von Ferdinand Marcos Jr. im Juni 2022 veränderte sich der politische Umgang mit dem Schiedsspruch erneut.

Schon wenige Wochen später bezeichnete Außenminister Enrique Manalo UNCLOS und den Award als die beiden zentralen Anker der philippinischen Politik in der West Philippine Sea. Der Unterschied zur Duterte-Zeit lag dabei weniger darin, dass Manila plötzlich neue Rechte beanspruchte. Die vorherige Regierung hatte diese Rechte nicht formal aufgegeben.

Neu war vor allem, wie sichtbar und offensiv die Philippinen ihre Position wieder vertraten. Der Award wurde stärker in diplomatischen Erklärungen und Protesten verwendet, Vorfälle auf See wurden häufiger öffentlich dokumentiert und Manila vertiefte seine sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit den USA, Japan, Australien und weiteren Partnern.

Zum zehnten Jahrestag im Juli 2026 bezeichnete Marcos den Schiedsspruch erneut als wichtiges Instrument zum Schutz philippinischer souveräner Rechte und zur Sicherung einer auf internationalem Recht beruhenden Ordnung.

Der härtere Kurs in der West Philippine Sea bedeutet allerdings keine vollständige Abkehr von Zusammenarbeit mit China. Noch am 14. August 2026 erklärte Marcos, eine gemeinsame Öl- und Gasexploration mit China sei weiterhin möglich, sofern philippinische Rechte nicht aufgegeben würden. Das zeigt, dass die Beziehungen auch unter Marcos nicht in ein einfaches Schema „gegen China“ passen.

Die Transparenzpolitik verändert die Auseinandersetzung

Eine der sichtbarsten Veränderungen begann Anfang 2023. Nachdem die Philippine Coast Guard China vorgeworfen hatte, bei einer Begegnung auf See einen militärtauglichen Laser gegen ein philippinisches Schiff eingesetzt zu haben, entschieden hochrangige philippinische Regierungsvertreter, Bildmaterial des Vorfalls öffentlich zu machen.

Reuters rekonstruierte später, dass diese Entscheidung zum Ausgangspunkt einer neuen Transparenzpolitik wurde. Manila begann, Begegnungen mit chinesischen Schiffen systematischer mit Fotos und Videos zu dokumentieren, Journalisten auf Missionen mitzunehmen und Vorfälle schnell öffentlich zu machen.

Diese Strategie verändert nicht unmittelbar, wer mit wie vielen Schiffen an einem Riff präsent ist. Sie verändert aber die politische Wirkung eines Vorfalls. Ein Wasserwerfereinsatz, eine gefährliche Annäherung oder eine Blockade findet dann nicht mehr nur weit entfernt auf See statt. Bilder davon können innerhalb kurzer Zeit international verbreitet und von anderen Regierungen aufgegriffen werden.

Die Transparenzpolitik ist deshalb selbst ein Instrument im Konflikt: nicht zur physischen Durchsetzung des Awards, sondern zur Erhöhung diplomatischer und reputativer Kosten.

Grafik 2: Ungleiche Kräfte auf dem Wasser – Größen- und Ausrüstungsunterschiede zwischen China Coast Guard und Philippine Coast Guard.

2026: Im Jubiläumsjahr steigt die Präsenz deutlich

Besonders auffällig ist die Entwicklung im zehnten Jahr nach dem Schiedsspruch.

Die Asia Maritime Transparency Initiative (AMTI) wertete AIS-Schiffsdaten rund um Scarborough Shoal für die ersten sechs Monate 2026 aus. Danach kamen Schiffe der China Coast Guard dort auf 933 Schiffstage. Das war bereits fast so viel wie im gesamten Jahr 2025 mit 1.099 Schiffstagen. 2024 waren es 516 gewesen.

Im Durchschnitt stieg die chinesische Küstenwachpräsenz von 90 Schiffstagen pro Monat im ersten Halbjahr 2025 auf 156 im ersten Halbjahr 2026. Im Mai wurden 216 Schiffstage registriert. AMTI zufolge war die koordinierte Präsenz der China Coast Guard am Scarborough Shoal damit höher als in jedem zuvor von der Organisation seit 2019 regelmäßig beobachteten Zeitraum im Südchinesischen Meer.

Auch die Philippinen erhöhten ihre Präsenz. Schiffe der Philippine Coast Guard und des Bureau of Fisheries and Aquatic Resources kamen im ersten Halbjahr 2026 durchschnittlich auf 43 Schiffstage pro Monat, gegenüber 30 im Vorjahreszeitraum – ein Anstieg um 43 Prozent. Die chinesische Präsenz blieb jedoch deutlich größer.

Die häufigere Anwesenheit beider Seiten führte zwangsläufig zu mehr Begegnungen. AMTI registrierte im ersten Halbjahr an 112 Tagen Interaktionen zwischen chinesischen und philippinischen Behördenfahrzeugen in der Gegend von Scarborough – durchschnittlich an 19 Tagen pro Monat.

Hinzu kamen neue Formen chinesischer Präsenz. Ende Mai wurde im Bereich des Scarborough Shoal eine schwimmende Plattform festgestellt. China erklärte, sie diene wissenschaftlicher Forschung. Manila protestierte diplomatisch. Mitte Juni war die Anlage wieder entfernt.

Bereits Ende April hatte China parallel zum multinationalen Balikatan-Manöver chinesische Luft- und Seestreitkräfte zu sogenannten Gefechtsbereitschaftspatrouillen in der Gegend von Scarborough eingesetzt.

Ob diese Verdichtung chinesischer Aktivitäten gezielt auf das zehnte Jubiläum des Awards abgestimmt war, lässt sich nicht belegen. Belegbar ist aber, dass die chinesische Präsenz bereits in den Monaten vor dem Jubiläum erheblich zunahm und sich die politischen, medialen und physischen Auseinandersetzungen im Juli 2026 noch einmal verdichteten.

Grafik 3: Scarborough Shoal – deutlich mehr chinesische Küstenwachpräsenz im ersten Halbjahr 2026. Quelle: AMTI.

Auch der Informationskampf wird schärfer

Zum Jubiläum wurde sichtbar, dass der Konflikt längst nicht mehr nur mit Schiffen und diplomatischen Noten ausgetragen wird.

Am 10. Juli veröffentlichte die staatlich kontrollierte chinesische Zeitung China Daily ein KI-generiertes Video zum Schiedsspruch. Darin wurde eine affenartige Figur in philippinischer Kleidung gezeigt, die von Armen mit den Kennzeichnungen USA und Japan gesteuert wird. Später wird die Figur ins Meer geworfen und von einem Wasserwerfer getroffen.

Das philippinische Außenministerium bezeichnete die Darstellung als herabwürdigend, entmenschlichend und rassistisch. Manila verlangte die Entfernung des Materials und legte diplomatischen Protest ein.

China Daily verteidigte die Darstellung als politische Satire. Das chinesische Außenministerium erklärte zugleich, das Video stelle keine offizielle Regierungsposition dar. An seiner grundsätzlichen Ablehnung des Schiedsspruchs hielt Peking jedoch fest.

Der Vorfall zeigt eine weitere Ebene des Konflikts: Während Manila mit seiner Transparenzpolitik Bilder chinesischer Aktionen auf See verbreitet, versuchen chinesische staatliche Medien ihrerseits, die philippinische Politik, ihre Zusammenarbeit mit Partnerstaaten und die Bedeutung des Awards kommunikativ zu delegitimieren.

Im Juli folgen mehrere harte Zwischenfälle

Nur wenige Tage nach dem Jubiläum kam es erneut zu direkten Konfrontationen auf See.

Am 20. Juli trafen chinesische Küstenwachkräfte und philippinische Marinesoldaten am Second Thomas Shoal, auf den Philippinen Ayungin Shoal genannt, unmittelbar aufeinander. Nach Darstellung der philippinischen Seite schlugen Angehörige der China Coast Guard einem philippinischen Marinesoldaten mit einem Holzstock auf den Kopf und beschädigten ein philippinisches Schlauchboot. Videoaufnahmen des Vorfalls wurden veröffentlicht.

China stellte den Ablauf anders dar. Die China Coast Guard erklärte, philippinische Kräfte hätten chinesische Beamte zuerst mit Rudern und Stangen angegriffen und ein chinesisches Boot gerammt. Beide Seiten warfen sich anschließend Provokation und Gewalt vor.

Am 23. und 24. Juli folgten weitere Konfrontationen am Scarborough Shoal. Die Philippine Coast Guard warf chinesischen Schiffen den Einsatz von Wasserwerfern und gefährliche Annäherungen vor. China erklärte dagegen, philippinische Schiffe seien unrechtmäßig in Gewässer eingedrungen, die Peking für sich beansprucht, und die Maßnahmen der chinesischen Küstenwache seien rechtmäßig gewesen.

Damit kam es innerhalb einer Woche zu mehreren direkten Auseinandersetzungen – zehn Jahre nachdem der Schiedsspruch zentrale seerechtliche Fragen geklärt hatte.

Grafik 4: Zehn Jahre nach dem Schiedsspruch – zentrale Ereignisse im Juli 2026.

Die USA stellen sich deutlich hinter ihren Verbündeten

Die Philippinen besitzen allerdings etwas, das ein Tribunal selbst nicht bereitstellen kann: einen militärischen Vertragsverbündeten.

Die USA haben wiederholt klargestellt, dass der gegenseitige Verteidigungsvertrag von 1951 auch bewaffnete Angriffe auf philippinische Streitkräfte, Flugzeuge und öffentliche Schiffe – einschließlich der Philippine Coast Guard – irgendwo im Südchinesischen Meer erfasst.

Nach den Juli-Zwischenfällen äußerte sich US-Außenminister Marco Rubio deutlich. Er bezeichnete die chinesischen Aktionen als beunruhigend und bekräftigte, Washington werde seine Verbündeten nicht im Stich lassen. Gleichzeitig erklärten die USA nicht, dass einer der konkreten Vorfälle bereits die Schwelle eines bewaffneten Angriffs erreicht und damit automatisch den Verteidigungsvertrag ausgelöst habe.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Washington hält die Bündniszusage bewusst sehr klar, legt aber nicht für jede Form von Wasserwerfereinsatz, Kollision oder körperlicher Gewalt im Voraus fest, ab welchem Punkt daraus ein militärischer Bündnisfall wird.

Zum zehnten Jahrestag gehörten die USA außerdem zu insgesamt 14 Staaten, die gemeinsam erklärten, der Award sei endgültig und rechtlich bindend für China und die Philippinen.

Die amerikanische Unterstützung hat eine eigene politische Spannung

Die starke amerikanische Berufung auf UNCLOS und den Award besitzt allerdings eine bemerkenswerte Besonderheit: Die Vereinigten Staaten selbst sind bis heute keine Vertragspartei von UNCLOS.

Washington betrachtet große Teile der seerechtlichen Regeln des Übereinkommens dennoch als Völkergewohnheitsrecht und richtet seine eigene maritime Praxis in vielen Bereichen danach aus. Juristisch ist es deshalb kein Widerspruch, wenn die USA darauf hinweisen, dass China und die Philippinen als Vertragsparteien an die Entscheidung des nach UNCLOS gebildeten Tribunals gebunden sind.

Politisch zeigt es jedoch, dass die amerikanische Unterstützung für den Award nicht einfach mit einer generellen Bereitschaft gleichgesetzt werden kann, sich selbst jeder Form internationaler Gerichtsbarkeit zu unterwerfen.

Im Südchinesischen Meer decken sich mehrere amerikanische Interessen: Unterstützung des philippinischen Vertragsverbündeten, freie Schifffahrt, Begrenzung einseitiger Machtverschiebungen und die Verteidigung einer seerechtlichen Ordnung, die Washington für seine eigene maritime Sicherheit als wichtig betrachtet.

Die Unterstützung des Awards ist damit zugleich rechtspolitisch und strategisch.

China lehnt den Award weiterhin vollständig ab

China hat seine grundlegende Position seit 2016 nicht verändert.

Am 12. Juli 2026 veröffentlichte das chinesische Außenministerium zum zehnten Jahrestag erneut eine ausführliche Stellungnahme. Peking bezeichnete den Award als rechtswidrig, null und nichtig und ohne Bindungswirkung. China erkenne ihn nicht an und halte an seinen territorialen und maritimen Ansprüchen sowie den von ihm geltend gemachten historischen Rechten fest.

Diese Position steht weiterhin im direkten Gegensatz zur Entscheidung des Tribunals und zur philippinischen Rechtsauffassung.

Dass China den Award nicht anerkennt, lässt dessen rechtliche Bindungswirkung zwischen den Parteien nach UNCLOS nicht verschwinden. Die fehlende chinesische Bereitschaft zur Befolgung erklärt aber, warum es keine freiwillige praktische Umsetzung gibt.

Der Schiedsspruch ist deshalb nicht wirkungslos

Aus den fortdauernden Auseinandersetzungen könnte leicht der Eindruck entstehen, Manila habe 2016 zwar auf dem Papier gewonnen, praktisch aber nichts erreicht.

Auch das wäre zu einfach.

Der Award hat die rechtliche Grundlage des Konflikts dauerhaft verändert. Vor 2016 konnten gegensätzliche maritime Ansprüche leichter als zwei konkurrierende nationale Positionen dargestellt werden. Seit dem Award existiert zu zentralen Fragen eine konkrete Entscheidung eines nach UNCLOS gebildeten Tribunals.

Die Philippinen können sich darauf bei diplomatischen Protesten, Verhandlungen und internationalen Stellungnahmen berufen. Partnerstaaten können ihre Unterstützung auf einen konkreten rechtlichen Bezugspunkt stützen. Zum zehnten Jahrestag taten dies 14 Staaten gemeinsam; auch die Europäische Union veröffentlichte eine eigene unterstützende Erklärung.

Der Award besitzt deshalb Wirkung – aber eine andere als die unmittelbare physische Kontrolle eines Seegebiets.

Drei Ebenen, die nicht verwechselt werden dürfen

Rechtliche Lage:

  UNCLOS und der Schiedsspruch bestimmen in den entschiedenen Fragen, welche maritimen Rechte bestehen.

Politische Nutzung:

  Regierungen entscheiden, wie offensiv sie sich auf den Award berufen, wie stark sie auf Dialog setzen und wie intensiv sie internationale Unterstützung suchen.

Tatsächliche Kontrolle:

  Auf See entscheidet sich, wer Schiffe entsenden kann, wer dauerhaft präsent ist, wer Zugang ermöglicht oder behindert und wie die andere Seite darauf reagiert.

Diese drei Ebenen beeinflussen sich gegenseitig. Sie fallen aber nicht automatisch zusammen.

Genau deshalb konnten die Philippinen 2016 einen weitreichenden rechtlichen Erfolg erzielen, während China gleichzeitig an wichtigen Orten eine starke maritime Präsenz behielt – und sie am Scarborough Shoal 2026 sogar nochmals deutlich verstärkte.

Warum der Konflikt also weitergeht

Der Konflikt besteht nicht fort, weil das Tribunal nichts entschieden hätte.

Er besteht fort, weil ein Schiedsspruch Rechtsfragen klären kann, politische Entscheidungen, strategische Interessen und tatsächliche Präsenz aber nicht automatisch beseitigt.

Für die Philippinen bleibt der Award ein zentraler rechtlicher Bezugspunkt. Unter Marcos Jr. wird er sichtbarer eingesetzt als in großen Teilen der Duterte-Zeit. China wiederum hält an seiner Ablehnung des Verfahrens und des Awards fest. Die USA und weitere Partner stärken Manila diplomatisch und sicherheitspolitisch, ohne damit jeden einzelnen Zwischenfall automatisch zu einem militärischen Bündnisfall zu machen.

Auf See treffen diese Positionen nicht als juristische Texte aufeinander, sondern als Küstenwachschiffe, Fischerboote, Versorgungsschiffe, Patrouillen und Besatzungen.

Der Schiedsspruch hat einen rechtlichen Maßstab geschaffen – keinen automatischen Frieden.

Der nächste Schritt: Kontrolle ohne offenen Krieg

Damit verschiebt sich die zentrale Frage der Themenserie.

Wenn China seine Position trotz des Awards weiter praktisch absichert – und wenn die Philippinen versuchen, ihre eigenen Rechte sichtbar und tatsächlich wahrzunehmen –, geschieht dies meistens nicht durch einen offenen militärischen Konflikt.

Stattdessen geht es um Küstenwachschiffe, Blockaden, Wasserwerfer, Barrieren, Patrouillen, zivile oder zivil wirkende Schiffe und schrittweise Veränderungen der Lage.

Genau dieser Bereich zwischen normaler Friedenslage und offenem Krieg wird häufig als Grauzone bezeichnet.

Teil 8 beschäftigt sich deshalb mit der Grauzonenstrategie und dem sogenannten „Salami Slicing“ – also der Frage, wie durch viele einzelne, begrenzte Schritte nach und nach tatsächliche Kontrolle geschaffen oder verändert werden kann.

Quellen und weiterführende Dokumente

Artikel dieser Serie

Übersicht

► Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen

► Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 1: Warum das Südchinesische Meer für die Philippinen so wichtig ist

► Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 2: Historische Ansprüche und Nine-Dash Line

► Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 3: UNCLOS einfach erklärt

► Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 4: Scarborough Shoal 2012 – Der Wendepunkt

► Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 5: Warum Manila den Rechtsweg wählte

► Klajoo-Themenserie zur West Philippine Sea und zum Südchinesischen Meer in 11 Teilen – Teil 6: Der Schiedsspruch von 2016 – was das Tribunal tatsächlich entschied