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Mangroven als Küstenschutz: Die Philippinen haben enormes Potenzial – doch bloßes Pflanzen reicht nicht

SULU – In Maimbung in der Provinz Sulu haben Jugendliche am Wochenende Mangroven gepflanzt. Die Aktion soll unter anderem dazu beitragen, Küsten besser gegen Sturmfluten zu schützen. – klajoo.com – Solche Pflanztage gibt es auf den Philippinen regelmäßig. Die entscheidende Frage ist aber nicht, wie viele Setzlinge an einem Nachmittag in den Boden kommen, sondern wie viele Jahre später noch ein funktionierender Mangrovenwald daraus geworden ist.

Gerade für die Philippinen wäre das von großer Bedeutung. Tausende Küstengemeinden sind Taifunen, Sturmfluten, Erosion und steigendem Meeresspiegel ausgesetzt. Mangroven können einen Teil dieser Risiken deutlich reduzieren. Gleichzeitig stabilisieren sie Küsten, bieten Jungfischen und anderen Meerestieren Lebensraum und speichern große Mengen Kohlenstoff.

Doch die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte zeigen auch: Eine gut gemeinte Mangroven-Pflanzaktion kann wirkungslos bleiben oder sogar ökologischen Schaden anrichten, wenn die falsche Art am falschen Standort gepflanzt wird. Die Philippinen brauchen deshalb weniger symbolische Pflanztage und mehr dauerhaft geplante Wiederherstellung ganzer Küstenökosysteme.

Mangroven bremsen Wellen – aber sie sind keine Zauberwand

Die Schutzwirkung entsteht vor allem durch die dichte Struktur aus Stämmen, Ästen und Wurzeln. Einströmendes Wasser trifft auf einen erheblichen Widerstand. Wellen verlieren Energie, Strömungen werden abgebremst und Sedimente können sich ablagern. Dadurch kann sich auch die Küstenlinie stabilisieren.

Das Department of Environment and Natural Resources (DENR) bezeichnet Mangroven deshalb als natürliche erste Verteidigungslinie gegen Sturmfluten. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen grundsätzlich diesen Effekt. Eine philippinische Simulationsstudie für Tacloban auf Leyte und Pan de Azucar in Iloilo kam zu dem Ergebnis, dass ausreichend dichte Mangrovenbestände die Überschwemmungswirkung extremer Sturmfluten verringern können.

Wie stark der Schutz tatsächlich ist, hängt jedoch von mehreren Faktoren ab: von der Breite und Dichte des Mangrovengürtels, den vorhandenen Arten, der Wassertiefe, der Form der Küste, dem Untergrund und der Stärke des jeweiligen Sturms.

Deshalb wäre es falsch, Mangroven als einfachen Ersatz für Deiche, Schutzmauern oder Evakuierungsplanung zu betrachten. An stark bebauten oder besonders exponierten Küsten kann technische Infrastruktur weiterhin notwendig sein. Sinnvoll ist häufig eine Kombination: Mangroven nehmen einen Teil der Wellenenergie auf, während dahinterliegende technische Schutzanlagen für die verbleibende Belastung ausgelegt werden.

Gerade die Philippinen könnten davon besonders profitieren

Kaum ein größeres Land ist so stark von Küstenrisiken betroffen wie die Philippinen. Die Philippinen bestehen aus 7.641 Inseln, von denen rund 2.000 bewohnt sind. Entsprechend groß ist die Zahl der Siedlungen, deren Alltag und Infrastruktur unmittelbar von Küstenbedingungen geprägt sind. Gleichzeitig ziehen jedes Jahr zahlreiche tropische Wirbelstürme durch oder nahe an den Inselstaat.

Die Bedeutung vorhandener Mangroven lässt sich auch wirtschaftlich messen. Eine internationale Untersuchung zur Hochwasserschutzwirkung von Mangroven nennt Cebu beispielsweise unter den Küstenregionen, in denen bestehende Mangroven jährlich mehr als 150.000 Menschen vor Überschwemmungen schützen können.

Der Nutzen endet nicht beim Katastrophenschutz. Mangroven sind Kinderstuben für Fische, Krebse und andere Arten, auf die Küstenfischer angewiesen sind. Sie filtern Nähr- und Schadstoffe, halten Sedimente fest und gehören zu den besonders kohlenstoffreichen Küstenökosystemen.

Damit kann dieselbe Fläche gleichzeitig Küstenschutz, Fischerei, Klimaschutz und Biodiversität unterstützen. Eine Betonmauer kann das nicht.

Ein großer Teil der früheren Mangroven ist verschwunden

Wie groß die heutige Mangrovenfläche der Philippinen exakt ist, hängt von Datensatz und Definition ab. Genau deshalb sollte mit scheinbar präzisen Einzelzahlen vorsichtig umgegangen werden.

Das Biodiversity Management Bureau des DENR nennt unter Bezug auf Global Mangrove Watch derzeit rund 280.000 Hektar. Andere aktuelle Datensätze kommen auf etwas höhere oder niedrigere Werte. Historische Schätzungen liegen bei ungefähr einer halben Million Hektar Anfang des 20. Jahrhunderts.

Unstrittig ist damit die Größenordnung des Verlustes: Ein erheblicher Teil der ursprünglichen Mangrovenwälder wurde beseitigt. Einer der wichtigsten Gründe war über Jahrzehnte die Umwandlung von Mangrovenflächen in Fisch- und Garnelenteiche. Hinzu kamen Küstenbebauung, Infrastruktur, Abholzung und Verschmutzung.

Das ist für die heutige Küstenschutzpolitik besonders relevant. Viele Flächen, auf denen Mangroven wiederhergestellt werden könnten, liegen nicht irgendwo im offenen Meer, sondern auf ehemaligen oder nicht mehr produktiv genutzten Aquakulturflächen.

Warum viele Pflanzaktionen scheitern

Ausgerechnet die lange philippinische Erfahrung mit Mangroven-Wiederaufforstung zeigt, wie wenig eine hohe Zahl gepflanzter Setzlinge über den Erfolg aussagt.

Eine Auswertung von 20 Mangroven-Pflanzungen auf fünf Inseln, in neun Provinzen und 17 Gemeinden untersuchte Projekte aus den Jahren 2001 bis 2014. Fast überall wurden Arten der Gattung Rhizophora verwendet. Häufig setzte man sie jedoch auf offene, sandige Küstenflächen, an denen diese Arten natürlicherweise gar nicht vorkamen.

Das Ergebnis war ernüchternd: Nur zwei der untersuchten Pflanzflächen erreichten eine Überlebensrate von mehr als 20 Prozent.

Andere wissenschaftliche Auswertungen früherer philippinischer Programme kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Falsche Artenwahl, ungeeignete Standorte und fehlende Pflege nach dem Pflanztag führten vielfach dazu, dass der überwiegende Teil der Setzlinge wieder verschwand.

Das bedeutet auch: Ein Projekt kann in einer Regierungsstatistik zunächst als tausendfaches „Mangrove Planting“ erscheinen und Jahre später trotzdem kaum zusätzlichen Mangrovenwald hinterlassen.

Nicht überall, wo Wasser ist, gehören Mangroven hin

Ein häufiger Fehler besteht darin, Mangroven möglichst weit seewärts zu pflanzen, weil dort freie Flächen sichtbar sind. Ökologisch können diese Flächen aber Wattflächen oder Seegraslebensräume sein, auf denen Mangroven natürlicherweise nicht wachsen.

Die Folge ist doppelt problematisch: Die gepflanzten Bäume überleben schlecht – und gleichzeitig können andere wertvolle Küstenökosysteme beeinträchtigt werden.

Erfolgreiche Wiederherstellung beginnt deshalb nicht mit dem Setzling, sondern mit dem Standort. Zunächst muss geklärt werden, wo früher Mangroven standen, wie Ebbe und Flut das Gebiet durchströmen, welche Sedimente vorhanden sind und welche Arten dort natürlicherweise vorkommen.

Oft ist gar kein massenhaftes Pflanzen nötig

Moderne ökologische Wiederherstellung verfolgt deshalb einen anderen Ansatz. Statt möglichst viele Setzlinge zu kaufen und einzupflanzen, werden zunächst die natürlichen Bedingungen repariert.

Bei aufgegebenen Fischteichen kann das beispielsweise bedeuten, Deiche teilweise zu öffnen und frühere Gezeitenkanäle wiederherzustellen. Wenn Wasser, Sedimente und natürliche Samen wieder in die Fläche gelangen, können sich Mangroven unter geeigneten Bedingungen selbst ansiedeln.

Wetlands International wirbt auf den Philippinen deshalb für die sogenannte Ecological Mangrove Restoration. Pflanzungen werden dort nur ergänzend eingesetzt, wenn natürliche Wiederbesiedlung nicht ausreicht.

Nach Angaben der Organisation könnten ungefähr 30.000 Hektar aufgegebener, unentwickelter oder unzureichend genutzter Fischteiche auf diese Weise vollständig wiederhergestellt werden. Weitere rund 30.000 Hektar aktiver Aquakulturflächen könnten mangrovenfreundlicher bewirtschaftet werden.

Bestehende Wälder zu schützen ist meist sinnvoller als neue zu pflanzen

Noch wichtiger als Wiederaufforstung ist der Schutz der Mangroven, die bereits vorhanden sind. Ein alter, breiter und artenreicher Mangrovenwald bietet unmittelbar Schutz. Ein heute gepflanzter Setzling braucht dagegen viele Jahre, bevor daraus ein vergleichbarer Bestand entsteht.

Trotzdem werden bestehende Mangroven weiterhin durch illegale Abholzung, Landumwandlung, Müll, Aquakultur und Küstenentwicklung unter Druck gesetzt. Das DENR weist selbst regelmäßig auf diese Gefahren hin.

Es wäre widersprüchlich, an einer Küste mit öffentlichem Geld neue Mangroven zu pflanzen, während wenige Kilometer weiter ein bestehender Wald für Bau- oder Aquakulturflächen verloren geht.

Erfolgreiche Beispiele zeigen, dass es funktionieren kann

Die Philippinen haben zugleich Beispiele, bei denen langfristiger Schutz und Wiederherstellung funktionieren. Dazu gehören große Mangrovengebiete in Siargao, Palawan und Western Visayas sowie gemeinschaftlich verwaltete Aufforstungen auf ehemaligen Fischteichflächen.

Solche Projekte unterscheiden sich von einmaligen Pflanzaktionen vor allem durch eines: Sie enden nicht nach dem Gruppenfoto. Gemeinden, Fischerorganisationen, Wissenschaftler und Behörden kümmern sich über Jahre um Wasserführung, Schutz, Artenwahl, Kontrolle und Nutzung.

Auch die lokale Bevölkerung muss einen wirtschaftlichen Grund haben, den Wald langfristig zu erhalten. Wenn Mangroven Fischbestände verbessern, Einkommen schaffen oder Gemeinden nachweislich besser gegen Wellen schützen, entsteht ein wesentlich stärkerer Anreiz als durch eine einmalige Umweltkampagne.

Mangroven müssten Teil der normalen Küstenschutzplanung werden

Auf den Philippinen werden Küstenschutz und Hochwasserschutz noch immer häufig mit Betonprojekten verbunden: Seawalls, Ufermauern, Deiche und andere Bauwerke sind sichtbar, lassen sich budgetieren und nach Fertigstellung einweihen.

Ein Mangrovenwald funktioniert anders. Er braucht Fläche, Zeit und langfristige Pflege. Dafür kann er sich selbst erneuern und gleichzeitig Leistungen erbringen, die weit über den eigentlichen Hochwasserschutz hinausgehen.

Die entscheidende Änderung wäre deshalb, Mangroven nicht nur als Umwelt- oder Baumpflanzprojekt zu betrachten, sondern als mögliche reguläre Küstenschutz-Infrastruktur. Bei jedem geeigneten Küstenabschnitt müsste geprüft werden, ob vorhandene Mangroven geschützt, frühere Flächen wiederhergestellt oder natürliche Systeme mit technischen Bauwerken kombiniert werden können.

Das wäre auch finanziell interessant. Bei einem geeigneten Standort muss nicht zwangsläufig eine kilometerlange massive Schutzmauer die gesamte Wellenenergie aufnehmen, wenn ein vorgelagerter Mangrovengürtel bereits einen Teil davon reduziert.

Die Sulu-Jugendlichen setzen ein richtiges Zeichen – entscheidend sind die nächsten Jahre

Die Pflanzaktion in Maimbung ist deshalb sinnvoll, wenn sie der Beginn und nicht das Ende eines Projekts ist. Ob die jungen Mangroven tatsächlich zum Schutz gegen Sturmfluten beitragen, entscheidet sich nicht an der Zahl der am 15. August gesetzten Pflanzen.

Entscheidend ist, ob Standort und Arten passen, wie viele Pflanzen die ersten Jahre überleben, ob natürliche Mangroven in der Umgebung geschützt werden und ob die Gemeinde die Fläche dauerhaft erhält.

Die Philippinen brauchen tatsächlich mehr Mangroven. Vor allem aber brauchen sie mehr funktionierende Mangrovenwälder. Das ist ein erheblich größerer Unterschied, als es bei einem Pflanztag zunächst aussieht. – RM

Quellen:

  • Philippine Daily Inquirer: Sulu youth leaders plant mangroves to cushion storm surges
  • Philippine Information Agency / DENR CALABARZON: DENR: Mangroves natural frontline defense vs storm surges
  • University of the Philippines Los Baños Knowledge Digital Repository: Strategies and challenges of mangrove restoration in the Philippines
  • Frontiers in Marine Science: Does mangrove restoration imply coastal protection? A prospective simulation study
  • Wetlands International: Scaling science-based mangrove restoration in the Philippines
  • Philippine Statistics Authority: TECHNICAL NOTES Mangrove Accounts of the Philippines: Extent Accounts
  • Scientific Reports: The Global Flood Protection Benefits of Mangroves
  • Wikimedia Commons: File:Mangrove Islet.jpg

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