MINDANAO – Fast 17 Jahre nach dem Maguindanao-Massaker versucht die Familie des Fotojournalisten Reynaldo „Bebot“ Momay weiterhin, ihn auch gerichtlich als 58. Opfer der Tat anerkennen zu lassen. – klajoo.com – Seine Tochter Ma. Reynafe Momay-Castillo hat beim Court of Appeals in Manila erneut einen Antrag in dem bereits laufenden Berufungsverfahren eingereicht.
Nach einem Bericht von MindaNews handelt es sich um eine sogenannte „Manifestation with Reiterative Motion“. Die Familie eröffnet damit kein neues Verfahren, sondern bekräftigt ihre bereits bestehende Forderung. Schon nach dem Urteil von 2019 und erneut im November 2025 hatte Momays Familie verlangt, dass der Fotojournalist in die Zahl der gerichtlich anerkannten Mordopfer aufgenommen wird.
Momay arbeitete als Fotojournalist für den Midland Review in Tacurong City. Seine sterblichen Überreste wurden nach dem Massaker nie gefunden. Am Tatort wurden jedoch seine Zahnprothesen entdeckt. Das Regional Trial Court in Quezon City sah dies 2019 nicht als ausreichenden Beweis dafür an, seinen Tod über jeden vernünftigen Zweifel hinaus festzustellen. Deshalb beziehen sich die Mordurteile auf 57 Opfer und nicht auf 58.
Was am 23. November 2009 geschah
Das heutige Verfahren lässt sich ohne die politischen Verhältnisse im damaligen Maguindanao kaum verstehen. Die Ampatuan-Familie beherrschte die Provinz über Jahre politisch. Andal Ampatuan Sr. war Gouverneur, während weitere Familienmitglieder wichtige lokale Ämter innehatten. Vor den Wahlen 2010 kündigte Esmael „Toto“ Mangudadatu, damals Vizebürgermeister von Buluan, an, für das Amt des Gouverneurs zu kandidieren und damit die politische Vorherrschaft der Ampatuans herauszufordern.
Am 23. November 2009 machte sich ein Fahrzeugkonvoi auf den Weg nach Shariff Aguak. Dort sollte Mangudadatus Kandidatur bei der Commission on Elections eingereicht werden. Im Konvoi befanden sich unter anderem seine Ehefrau Genalyn Mangudadatu, weitere Angehörige und Unterstützer sowie zahlreiche Journalisten und Medienmitarbeiter, die über die Kandidatur berichten wollten. Auch mehrere Menschen, die nicht zu der politischen Gruppe gehörten, gerieten in die Ereignisse.
Der Konvoi wurde auf dem Weg gestoppt und in Richtung Sitio Masalay im Barangay Salman der Gemeinde Ampatuan gebracht. Dort wurden die Verschleppten erschossen. Ein Teil der Leichen und Fahrzeuge wurde anschließend in Gruben verscharrt. Ein Bagger wurde dabei zum weithin bekannten Symbol des Massakers.
Ein unmittelbar nach der Tat erstellter unabhängiger Untersuchungsbericht von Journalistenorganisationen, Juristen und einer forensischen Expertin dokumentierte später erhebliche Probleme bei der Sicherung des Tatorts. Die Bergung musste unter schwierigen Sicherheitsbedingungen stattfinden, und der Einsatz eines Baggers bei der Bergung beeinträchtigte nach Einschätzung des Teams zusätzlich den Tatort und die sterblichen Überreste.
Bis zum Abend des 26. November waren 57 Leichen geborgen worden. Unter diesen 57 nachweislich Getöteten waren 31 Medienmitarbeiter. Momay blieb vermisst. Rechnet man ihn als weiteres Opfer hinzu, ergibt sich die in journalistischen und zivilgesellschaftlichen Darstellungen seit Jahren verwendete Zahl von 58 Toten und 32 Medienmitarbeitern.
Das Massaker wurde zum Symbol für politische Gewalt und Gefahren für Journalisten
Die Tat gilt als schwerster Fall vorwahlbezogener Gewalt in der philippinischen Geschichte und als weltweit tödlichster Einzelangriff auf Medienmitarbeiter. Die große Zahl getöteter Journalisten erklärt sich daraus, dass lokale Reporter den politisch bedeutenden Vorgang der Kandidatur Mangudadatus begleiteten.
Der Fall machte zugleich sichtbar, wie eng lokale politische Macht, bewaffnete Gefolgschaften und Teile staatlicher Sicherheitsstrukturen miteinander verflochten sein konnten. Im späteren Strafverfahren gehörten neben Mitgliedern der Ampatuan-Familie auch Polizeibeamte und weitere bewaffnete Beteiligte zu den Beschuldigten.
Eine muslimisch geprägte Konfliktregion mit bewaffneten Machtstrukturen
Maguindanao gehörte 2009 zur damaligen Autonomous Region in Muslim Mindanao (ARMM) und war ganz überwiegend muslimisch geprägt. Der religiöse Hintergrund allein erklärt die Schwierigkeiten der Aufklärung jedoch nicht. Entscheidend war vielmehr das politische und sicherheitspolitische Umfeld, in dem das Massaker geschah.
Der zentrale und westliche Teil Mindanaos war damals noch wesentlich stärker vom bewaffneten Konflikt zwischen der philippinischen Regierung und der Moro Islamic Liberation Front (MILF) geprägt als heute. Nach dem Scheitern des geplanten Memorandum of Agreement on Ancestral Domain im Jahr 2008 waren schwere Kämpfe erneut aufgeflammt und Hunderttausende Menschen zeitweise vertrieben worden. Erst im Juli 2009 verständigten sich Regierung und MILF wieder auf einen Waffenstillstand; die formellen Friedensgespräche wurden erst Anfang 2010 erneut aufgenommen. Das Massaker ereignete sich damit in einer Region, in der Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, bewaffnete Gruppen und eine fragile Sicherheitslage zum Alltag gehörten.
Hinzu kam die besondere Machtstruktur in Maguindanao. Die Ampatuans waren nicht nur ein politischer Clan, sondern verfügten nach späteren Untersuchungen über bewaffnete Gefolgschaften und enge Verbindungen zu Teilen von Polizei, Militär und staatlich unterstützten Milizen. Human Rights Watch beschrieb diese Strukturen später als ein System, in dem politische Macht, staatliche Sicherheitsorgane und private Gewalt miteinander verflochten waren. Für Zeugen, Ermittler und Angehörige bedeutete das zusätzliche Risiken durch Einschüchterung, Abhängigkeiten und die Furcht vor Vergeltung.
Dabei wäre es irreführend, das Massaker selbst als Konflikt zwischen Christen und Muslimen oder zwischen dem Staat und der muslimischen Bevölkerung darzustellen. Sowohl die Ampatuans als auch die Mangudadatus sind muslimische politische Familien. Das Verbrechen entstand aus einer lokalen Macht- und Clanrivalität – allerdings innerhalb einer überwiegend muslimischen Region, die zugleich vom damals noch offenen Konflikt zwischen Manila und der MILF geprägt war. Gerade diese Überlagerung von Clanpolitik, bewaffneten Gruppen, schwacher beziehungsweise umkämpfter staatlicher Autorität und einem noch nicht befriedeten regionalen Konflikt erschwerte die Aufarbeitung zusätzlich.
Zehn Jahre bis zum ersten großen Urteil
Erst am 19. Dezember 2019, mehr als zehn Jahre nach dem Massaker, verkündete das Regional Trial Court Branch 221 in Quezon City sein Urteil. Andal Ampatuan Jr., Zaldy Ampatuan, Anwar Ampatuan und weitere Angeklagte wurden wegen 57 Mordfällen verurteilt. Insgesamt wurden 43 Angeklagte schuldig gesprochen, darunter 28 als Haupttäter beziehungsweise unmittelbar Verantwortliche; 56 Angeklagte wurden freigesprochen.
Andal Ampatuan Sr., der frühere Gouverneur und zentrale politische Patriarch der Familie, erlebte dieses Urteil nicht mehr. Er starb 2015 während seiner Untersuchungshaft.
Mit dem Urteil war der Fall dennoch nicht abgeschlossen. Verurteilte legten Rechtsmittel ein, und die Verfahren gelangten an den Court of Appeals. Angehörige der Opfer sprechen deshalb seit Jahren von nur teilweiser Gerechtigkeit. Noch im November 2025 forderten Familien und ihre Anwälte das Berufungsgericht auf, die anhängigen Verfahren endlich zu entscheiden.
Warum Momay im Urteil fehlt
Der besondere Fall Reynaldo Momays zeigt zugleich, wie sich historische Gewissheit und strafrechtliche Beweismaßstäbe unterscheiden können. Seine Familie und Medienorganisationen zählen ihn seit Jahren zu den Opfern. Seine Zahnprothesen wurden am Ort des Massakers gefunden, und er verschwand am selben Tag.
Für das Strafgericht reichte dies jedoch nicht aus. Es stellte nicht fest, dass Momay überlebt habe. Vielmehr kam es zu dem Ergebnis, dass sein tatsächlicher Tod im konkreten Mordfall nicht mit dem für eine strafrechtliche Verurteilung erforderlichen Beweismaß nachgewiesen worden sei. Es gab weder einen geborgenen Leichnam noch eine Sterbeurkunde, auf die sich das Gericht stützen konnte.
Dieser Unterschied ist entscheidend: Die Formulierung „57 Mordopfer“ im Urteil bedeutet nicht, dass das Gericht Momay als lebend angesehen hätte. Sie bedeutet, dass die Staatsanwaltschaft seinen Tod nach Auffassung des Gerichts nicht ausreichend beweisen konnte, um einen weiteren Mordfall in die Verurteilung aufzunehmen.
Momays Tochter legte deshalb bereits 2020 Berufung gegen diesen Teil der Entscheidung ein. Im November 2025 wurde die Forderung nach seiner Anerkennung beim Court of Appeals erneut vorgetragen. Der jetzt im August 2026 eingereichte Antrag bekräftigt diese Forderung noch einmal.
Der Film „58th“ bringt den Fall erneut in die Öffentlichkeit
Die erneute juristische Initiative fällt zeitlich mit einer neuen öffentlichen Auseinandersetzung mit Momays Geschichte zusammen. Am 13. August feierte der animierte Dokumentarfilm „58th“ beim Cinemalaya Philippine Independent Film Festival seine philippinische Premiere. Der Film von Regisseur Carl Joseph Papa stellt Momay und insbesondere den langjährigen Kampf seiner Tochter um Anerkennung in den Mittelpunkt.
Damit erhält ein Detail des Massakers neue Aufmerksamkeit, das in der bloßen Zahl der Opfer leicht verloren geht: Während für 57 Menschen Leichen geborgen und Mordurteile gesprochen wurden, lebt Momays Familie seit fast 17 Jahren zusätzlich mit der Ungewissheit über seine sterblichen Überreste und mit einer juristischen Lücke im Urteil.
Die Zahl 58 ist deshalb mehr als eine statistische Frage
Für die Familie geht es nicht nur darum, ob in einer historischen Darstellung 57 oder 58 Opfer genannt werden. Die gerichtliche Anerkennung würde bestätigen, dass Momay rechtlich Teil desselben Verbrechens war, das seine Kollegen und die übrigen Mitglieder des Konvois das Leben kostete.
Gleichzeitig zeigt der Fall, wie lange die juristische Aufarbeitung eines politisch außergewöhnlich bedeutenden Verbrechens dauern kann. Zehn Jahre vergingen bis zum erstinstanzlichen Urteil; fast sieben weitere Jahre später beschäftigen die Berufungen weiterhin den Court of Appeals.
Unabhängig davon, wie das Gericht über Momays Anerkennung entscheidet, bleibt das Maguindanao-Massaker ein zentraler Bezugspunkt für die Diskussion über politische Gewalt, private bewaffnete Macht und die Sicherheit von Journalisten auf den Philippinen. Der offene Fall des 58. Opfers macht deutlich, dass selbst fast 17 Jahre nach der Tat noch nicht alle Fragen juristisch abgeschlossen sind. – RM
Quellen:
- MindaNews: “Daughter goes to CA for judicial recognition of her father as 58th victim of Ampatuan Massacre”
- Philippine News Agency: “CA asked to recognize Momay as Maguindanao massacre 58th victim”
- Philippine Center for Investigative Journalism: “The Ampatuan Massacre: Fact-Finding Mission Report”
- Philippine Center for Investigative Journalism: “The Ampatuan Massacre: Summary of Case Trial”
- MindaNews: “Ampatuan Massacre: 10-year wait for lower court’s ruling, 6-year wait for CA ruling”
- SunStar: “Award-winning ‘58th’ heads to Cinemalaya for PH premiere”
- Philippine Statistics Authority: “Religious Affiliation in the Philippines (2020 Census of Population and Housing)”
- International Alert: “Inclusive Peace in Muslim Mindanao”
- Human Rights Watch: “They Own the People: The Ampatuans, State-Backed Militias, and Killings in the Southern Philippines”







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