MANILA – Alternde Gesellschaften in Japan, Singapur und Australien greifen zunehmend auf philippinische Pflegekräfte, Krankenpflegefachkräfte und Hausangestellte zurück. – klajoo.com – Eine Studie des staatlichen Philippine Institute for Development Studies (PIDS) warnt jedoch davor, dass der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung dieser Arbeitskräfte kein gleichwertiger Ausbau von Arbeits- und Sozialschutz gegenübersteht.
Die Untersuchung „The Future of Work in Aging Societies: Filipina Migrant Workers in the Asia-Pacific Value Chains“ wurde bereits im Mai 2026 als Discussion Paper veröffentlicht; PIDS stellte die Ergebnisse Ende Juli noch einmal ausführlich vor. Sie ist deshalb keine neue Tagesmeldung im engeren Sinn. Ihre Ergebnisse sind jedoch unmittelbar relevant für die Diskussion über die Zukunft philippinischer Arbeitsmigration.
Die Autoren betrachten ausdrücklich weibliche Arbeitskräfte und verwenden deshalb den Begriff Filipina migrant workers. Untersucht werden unterschiedliche Tätigkeiten – von Hausarbeit und häuslicher Betreuung bis zu professioneller Krankenpflege. Diese Gruppen dürfen nicht gleichgesetzt werden, weil Qualifikation, Arbeitsrecht, Aufenthaltsstatus und Möglichkeiten des beruflichen Aufstiegs je nach Land und Tätigkeit stark voneinander abweichen.
Pflege wird zu einer grenzüberschreitenden Versorgungskette
PIDS beschreibt die Entwicklung als „Global Care Chain“. Gemeint ist, dass Pflege älterer Menschen zunehmend nicht mehr allein innerhalb eines Landes organisiert wird. Ausbildungseinrichtungen auf den Philippinen, Vermittlungsagenturen, staatliche Behörden, Arbeitgeber im Zielland und die Migrantinnen selbst bilden eine grenzüberschreitende Kette.
Für die alternden Zielländer löst diese Migration ein konkretes Personalproblem. Für die Philippinen schafft sie Arbeitsplätze und Deviseneinnahmen. Gleichzeitig entsteht aber eine Abhängigkeit in beide Richtungen: Die Zielländer benötigen Arbeitskräfte, während viele philippinische Familien auf Einkommen aus dem Ausland angewiesen sind.
Nach Angaben der Studie arbeiteten 2021 in Singapur rund 250.000 ausländische Hausangestellte; etwa die Hälfte davon waren Filipinas. Mehr als 3.000 philippinische Krankenpflege- und Pflegekräfte wurden über das Japan-Philippines Economic Partnership Agreement nach Japan entsandt. Für Australien nennt PIDS schätzungsweise rund 10.000 philippinische Gesundheitsfachkräfte.
Singapur: Schutz vorhanden – aber Hausangestellte fallen aus dem normalen Arbeitsrecht heraus
Gerade Singapur zeigt, warum „mangelnder Schutz“ genauer betrachtet werden muss. Migrantische Hausangestellte sind dort nicht völlig rechtlos. Arbeitgeber müssen unter anderem medizinische und Unfallversicherungen abschließen, und es gibt verbindliche Regeln zu Ruhetagen, Unterkunft und Behandlung.
Nach den aktuell geltenden Regeln des Ministry of Manpower steht einer Migrant Domestic Worker grundsätzlich ein Ruhetag pro Woche zu. Arbeitet sie im gegenseitigen Einvernehmen an einem Ruhetag, muss dieser zusätzlich bezahlt werden. Mindestens ein Ruhetag pro Monat darf jedoch nicht gegen Geld ersetzt werden.
Zugleich sind Hausangestellte ausdrücklich vom allgemeinen Employment Act ausgenommen. Damit gelten beispielsweise dessen reguläre Vorschriften zu Arbeitszeit und Überstunden nicht in derselben Form. Ihr Schutz erfolgt stattdessen über das Employment of Foreign Manpower Act, Bedingungen des Work Permits und spezielle Regeln für migrantische Hausangestellte.
Genau hier liegt eines der strukturellen Probleme, auf die PIDS verweist: Hausarbeit findet im privaten Haushalt statt, Arbeits- und Ruhezeiten lassen sich schwieriger kontrollieren, und die Beschäftigte ist in hohem Maß von einem einzelnen Arbeitgeber abhängig. Formelle Mindeststandards verhindern deshalb nicht automatisch lange Arbeitstage oder ein starkes Machtgefälle.
Japan: Arbeitsmarktchance mit hoher Hürde bei Sprache und Anerkennung
Japan hat mit dem Wirtschaftspartnerschaftsabkommen JPEPA einen institutionalisierten Zugang für philippinische Krankenpflege- und Pflegekräfte geschaffen. Der Weg ist allerdings eng mit Ausbildung, japanischer Sprache und nationalen Berufsprüfungen verbunden.
Für Krankenpflege-Kandidaten verlangt das japanische Aufnahmeprogramm unter anderem einen Bachelor of Science in Nursing, eine aktive philippinische Berufslizenz und einschlägige Berufserfahrung. Bei Pflegekräften kommen je nach Ausbildungsweg ein Hochschulabschluss und eine TESDA-Qualifikation in Caregiving in Betracht. Ziel ist anschließend der Erwerb der jeweiligen japanischen Berufsqualifikation.
Damit bietet Japan einen geregelten Weg in qualifizierte Beschäftigung, stellt Migrantinnen aber zugleich vor eine erhebliche zusätzliche Hürde: Fachwissen muss in einer fremden Sprache nachgewiesen werden. PIDS nennt Sprachbarrieren und begrenzte Möglichkeiten des beruflichen Aufstiegs ausdrücklich als Probleme, die den langfristigen Nutzen der Migration für die Beschäftigten einschränken können.
Australien wirbt Fachkräfte an – und schafft eigene Wege für die Altenpflege
Australien nutzt sowohl allgemeine Fachkräfteprogramme als auch besondere Instrumente für die Altenpflege. Das Aged Care Industry Labour Agreement ermöglicht Arbeitgebern, ausländische direkte Pflegekräfte für bestimmte Berufe im Altenpflegesektor zu sponsern.
Wie wichtig philippinische Fachkräfte inzwischen sind, zeigen auch aktuelle Daten des australischen Innenministeriums. Bei philippinischen Staatsangehörigen gehörten Registered Nurses 2024/25 zu den wichtigsten Berufen sowohl bei zeitlich befristeter qualifizierter Migration als auch bei dauerhafter Fachkräftemigration. Auch Nursing Support and Personal Care Workers erscheinen unter den häufigeren Berufen.
Die offiziellen Visazahlen sind allerdings nicht mit der von PIDS genannten Gesamtzahl von rund 10.000 philippinischen Gesundheitsfachkräften gleichzusetzen. Die Home-Affairs-Daten zeigen jährliche Visaerteilungen nach ausgewählten Kategorien; die PIDS-Zahl beschreibt einen größeren Bestand beziehungsweise eine breitere Gruppe von Beschäftigten.
Mehr als 85 Prozent der Caregiving-Ausbildung entfällt auf Frauen
Die Entwicklung betrifft vor allem Frauen. PIDS verweist auf Daten der Philippine Labor Force Survey und von TESDA. Mehr als 85 Prozent der Teilnehmer und Absolventen von Caregiving-Ausbildungen sind demnach weiblich. Frauen stellen auch einen sehr großen Anteil der gesamten philippinischen Care-Arbeitskräfte.
Damit werden Arbeitsmigration und Pflegepolitik zugleich zu einer Geschlechterfrage. Wenn die internationale Nachfrage steigt, wächst für viele Frauen die Chance auf ein deutlich höheres Einkommen als auf dem heimischen Arbeitsmarkt. Gleichzeitig tragen sie ein überproportionales Risiko für prekäre Beschäftigung, eingeschränkte berufliche Mobilität und die Trennung von der eigenen Familie.
Das Paradox: Im Ausland fehlen Pflegekräfte – auf den Philippinen ebenfalls
Besonders relevant für die Philippinen ist der von PIDS beschriebene mögliche „care deficit“. Je erfolgreicher die Philippinen qualifizierte Pflege- und Gesundheitskräfte für andere alternde Gesellschaften ausbilden, desto größer kann die Lücke im eigenen Gesundheits- und Pflegesystem werden.
Das ist kein Argument dafür, Arbeitsmigration einzuschränken. Überweisungen aus dem Ausland sind für viele Familien und für die philippinische Volkswirtschaft von großer Bedeutung. Es zeigt jedoch einen Zielkonflikt: Ausbildungskosten entstehen teilweise auf den Philippinen, während der wirtschaftliche Ertrag der Arbeit im Zielland entsteht und dort gleichzeitig Personallücken geschlossen werden.
Dass die Regierung selbst dieses Problem sieht, zeigt das 2026 vorangetriebene Programm „Sa Pinas, Ikaw ang Nurse ng Bayan“. Das Department of Migrant Workers will gemeinsam mit anderen Stellen im Ausland beschäftigte philippinische Gesundheitsfachkräfte – insbesondere Krankenschwestern und Krankenpfleger – zur Rückkehr beziehungsweise zu einer erneuten Tätigkeit im philippinischen Gesundheitswesen bewegen.
Ein Rückkehrprogramm allein löst das Problem allerdings nicht. Solange Einkommen, Arbeitsbedingungen, Personalschlüssel und berufliche Perspektiven im Ausland deutlich attraktiver sind, bleibt die internationale Nachfrage ein starker Anreiz zur Migration.
PIDS fordert übertragbaren Sozialschutz und bessere Anerkennung von Qualifikationen
Die Studie empfiehlt deshalb nicht, die Mobilität einzuschränken, sondern die Regeln grenzüberschreitend zu verbessern. Genannt werden eine bessere Anerkennung beruflicher Qualifikationen, über Ländergrenzen hinweg nutzbare Sozial- und Gesundheitsleistungen, ethische Rekrutierung, kontinuierliche Weiterbildung und stärkere bilaterale Vereinbarungen.
Der entscheidende Perspektivwechsel besteht darin, philippinische Pflegekräfte nicht lediglich als „Arbeitskräfteexport“ zu betrachten. Wenn Japan, Singapur und Australien dauerhaft auf sie angewiesen sind, wird ihr Schutz zu einem Bestandteil der Funktionsfähigkeit dieser Pflegesysteme.
Für die Philippinen entsteht daraus wiederum eine zweite Aufgabe: Das Land muss seine Bürgerinnen im Ausland besser absichern, ohne den eigenen Bedarf an Pflege- und Gesundheitsfachkräften aus dem Blick zu verlieren. Genau dieser Spagat dürfte mit der weiteren Alterung in Asien schwieriger werden.
Quellen:
- Philippine Institute for Development Studies: “The Future of Work in Aging Societies: Filipina Migrant Workers in the Asia-Pacific Value Chains”
- Philippine Institute for Development Studies: “Aging Asia-Pacific countries rely on Filipina caregivers—but protections lag, PIDS study finds”
- Singapore Ministry of Manpower: “Employment Act: who it covers”
- Singapore Ministry of Manpower: “Rest days, health and well-being for migrant domestic workers”
- Singapore Ministry of Manpower: “Insurance requirements for MDWs”
- Japan International Corporation of Welfare Services: “Orientation Video for JPEPA”
- Australian Department of Home Affairs: “Country profile – Philippines”
- Australian Department of Home Affairs: “Industry labour agreements”
- Department of Migrant Workers: “Advancing the ‘Sa Pinas, Ikaw ang Nurse ng Bayan’ Program”







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