MANILA – Der politische Konflikt zwischen den Lagern von Präsident Ferdinand Marcos Jr. und Vizepräsidentin Sara Duterte wird auf den Philippinen zunehmend als Kampf zwischen zwei unvereinbaren Seiten wahrgenommen. – klajoo.com – Das Amtsenthebungsverfahren gegen Duterte, die Inhaftierung ihres Vaters Rodrigo Duterte in Den Haag und die bereits beginnende Positionierung für die Präsidentschaftswahl 2028 verstärken diese Entwicklung.
In einzelnen Bereichen erreicht die politische Lagerbildung tatsächlich Dimensionen, die an die Vereinigten Staaten erinnern. Die Struktur der Spaltung unterscheidet sich jedoch grundlegend: In den USA stehen sich zwei dauerhaft etablierte Parteien mit zunehmend klar getrennten politischen und gesellschaftlichen Milieus gegenüber. Auf den Philippinen entstehen die Lager stärker um Persönlichkeiten, Familien, Regionen und politische Netzwerke.
Die kurze Antwort lautet deshalb: Die emotionale Feindseligkeit wächst deutlich, aber die Philippinen sind noch keine Kopie des amerikanischen Zwei-Parteien-Konflikts.
Aus dem „UniTeam“ wurden gegnerische Lager
Bei der Präsidentschaftswahl 2022 traten Ferdinand Marcos Jr. und Sara Duterte noch gemeinsam als „UniTeam“ an. Das Bündnis vereinte zwei der mächtigsten politischen Familien des Landes und gewann die Wahl mit großem Vorsprung.
Nur wenige Jahre später stehen sich dieselben Lager nahezu feindlich gegenüber. Bei den Zwischenwahlen 2025 unterstützten Marcos und Duterte unterschiedliche Senatskandidaten. Politikwissenschaftler beschrieben die Abstimmung nicht nur als Bewertung der Regierungsarbeit, sondern als emotional aufgeladenen Stellvertreterkampf, in dem Begriffe wie Verrat und Loyalität eine größere Rolle spielten als konkrete Sachprogramme.
Der Bruch zeigt zugleich, wie schnell sich politische Lager auf den Philippinen neu bilden können. Die heutige Konfrontation ist nicht das Ergebnis eines jahrzehntelangen Gegensatzes zwischen zwei Parteien. Sie entstand aus dem Zerfall eines früheren Zweckbündnisses.
Umfragen zeigen stark gegensätzliche Hochburgen
Die politische Teilung ist auch geografisch sichtbar.
In einer Pulse-Asia-Umfrage vom März 2026 vertrauten im übrigen Luzon 54 Prozent der Befragten Präsident Marcos, aber nur 29 Prozent Vizepräsidentin Duterte. Marcos lag dort somit 25 Prozentpunkte vor Duterte. In Mindanao zeigte sich eine wesentlich schärfere und nahezu einseitige Lagerbildung: Nur zehn Prozent vertrauten Marcos, während Duterte auf 97 Prozent kam – ein Vorsprung von 87 Prozentpunkten. Auch in den Visayas lagen Dutertes Werte deutlich über denen des Präsidenten.
Die landesweiten Werte veränderten sich bis Juli weiter zugunsten Dutertes. Marcos erreichte noch 28 Prozent Vertrauen, während 51 Prozent ihm misstrauten. Sara Duterte kam auf 58 Prozent Vertrauen und 27 Prozent Misstrauen. Bei der Bewertung der Amtsführung lehnten 50 Prozent Marcos’ Arbeit ab, während 29 Prozent sie billigten.
Solche Zahlen belegen keine vollständige Aufteilung des Landes in zwei geschlossene Blöcke. Sie zeigen aber, dass politische Loyalität inzwischen stark mit regionalen Bindungen verbunden ist. Mindanao bildet weiterhin die wichtigste Machtbasis der Dutertes, während Marcos in Teilen Luzons wesentlich stärker abschneidet.
Was mit politischer Polarisierung gemeint ist
Nicht jede politische Meinungsverschiedenheit ist bereits Polarisierung. In einer Demokratie ist es normal, dass Bürger unterschiedliche Vorstellungen zu Wirtschaft, Sozialpolitik, Sicherheit oder Außenpolitik haben.
Problematisch wird die Entwicklung, wenn die Gegenseite nicht mehr nur als politisch falsch, sondern als grundsätzlich illegitim, gefährlich oder moralisch minderwertig betrachtet wird. Fachleute sprechen dann häufig von affektiver Polarisierung: Entscheidend ist weniger, was die andere Seite konkret fordert, sondern dass man sie ablehnt, weil sie zum gegnerischen Lager gehört.
Genau dieses Muster wurde bei den philippinischen Zwischenwahlen 2025 sichtbar. Die Auseinandersetzung zwischen Marcos und Duterte wurde von politischen Eliten mit Begriffen wie Verrat, Rache und Loyalität aufgeladen. Sachfragen traten dahinter teilweise zurück.
Ähnlichkeiten mit den USA
Die Entwicklung auf den Philippinen erinnert in mehreren Punkten an die Vereinigten Staaten.
Anhänger bewerten Gerichte, Ermittlungsbehörden, Medien und parlamentarische Verfahren zunehmend danach, ob deren Entscheidungen dem eigenen Lager nutzen. Ein Urteil gilt dann nicht mehr als Ergebnis eines rechtlichen Verfahrens, sondern je nach Ausgang als Beweis für Gerechtigkeit oder politische Verfolgung.
Auch persönliche Loyalität gewinnt an Bedeutung. Kritik an einer führenden Person wird als Angriff auf deren gesamte Anhängerschaft verstanden. Umgekehrt werden Unterstützer der Gegenseite für alle Handlungen ihrer politischen Führung mitverantwortlich gemacht.
Soziale Medien verstärken diesen Effekt. Kurze Videos, zugespitzte Aussagen, persönliche Angriffe und emotional aufgeladene Erzählungen erreichen häufig mehr Aufmerksamkeit als längere Erklärungen zu Gesetzen, Haushalten oder Gerichtsverfahren. Bereits Rodrigo Dutertes Wahlkampf 2016 nutzte soziale Medien besonders aggressiv und intensiv; seitdem sind digitale Kampagnen ein zentraler Bestandteil philippinischer Politik.
Auch in den USA wird Politik zunehmend als existenzieller Gegensatz wahrgenommen. Das Pew Research Center beschreibt das Land 2026 als tief entlang parteipolitischer Linien gespalten. Im Kongress liegen Demokraten und Republikaner ideologisch weiter auseinander als zu jedem anderen Zeitpunkt der vergangenen fünf Jahrzehnte.
Der entscheidende Unterschied: schwache Parteien
Trotz dieser Ähnlichkeiten funktioniert die philippinische Politik anders als die amerikanische.
In den USA sind Demokraten und Republikaner dauerhafte Organisationen. Sie verfügen über erkennbare politische Programme, stabile Wählergruppen und landesweite Parteistrukturen. Positionen zu Abtreibung, Einwanderung, Waffenrecht, Klimapolitik, Steuern oder Sozialleistungen lassen sich häufig relativ klar einem der beiden Lager zuordnen.
Philippinische Parteien sind dagegen meist schwach institutionalisiert und stark auf einzelne Kandidaten, lokale Machtgruppen und politische Familien zugeschnitten. Parteimitgliedschaften können wechseln, Bündnisse entstehen häufig erst vor einer Wahl und lösen sich danach wieder auf. Sachprogramme und Ideologien spielen gegenüber persönlichen Netzwerken, regionaler Macht und Patronage oft eine geringere Rolle.
Ein Politiker kann deshalb das Lager wechseln, ohne seine politischen Grundüberzeugungen umfassend erklären zu müssen. Parteien schließen sich einem aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten an und wechseln nach einer Machtverschiebung möglicherweise erneut die Seite.
Die aktuelle Spaltung verläuft daher nicht zuverlässig zwischen links und rechts, liberal und konservativ oder staatlicher und marktwirtschaftlicher Politik. Sie verläuft vor allem zwischen Marcos, Duterte und weiteren politischen Machtzentren.
Politische Familien ersetzen teilweise Parteien
Eine weitere Besonderheit sind die politischen Dynastien.
Auf den Philippinen kontrollieren Familien in vielen Provinzen über mehrere Generationen hinweg Gouverneurs-, Bürgermeister-, Abgeordneten- und andere Ämter. Diese Familien können sich national einem Lager anschließen, ohne ihre lokale Machtbasis aufzugeben.
Das führt zu einer mehrschichtigen politischen Landschaft:
- Auf nationaler Ebene stehen sich derzeit vor allem Marcos- und Duterte-Lager gegenüber.
- Auf regionaler und lokaler Ebene handeln politische Familien nach eigenen Interessen.
- Im Senat und Repräsentantenhaus können sich Bündnisse abhängig von einem Gesetz, einer Untersuchung oder einer bevorstehenden Wahl verändern.
- Neben beiden großen Lagern bestehen liberale, progressive, religiöse, populistische und regionale Gruppen weiter.
- Die philippinische Polarisierung ist deshalb weniger ein stabiles System aus zwei Parteien als ein Konflikt zwischen wechselnden Koalitionen, deren stärkste Anker politische Familien sind.
- Nicht jeder Wähler gehört fest zu einem Lager.
- Auch die Umfragen sprechen gegen die Vorstellung zweier vollständig geschlossener Blöcke.
Ein erheblicher Teil der Befragten erklärt regelmäßig, weder großes Vertrauen noch deutliches Misstrauen gegenüber einem Politiker zu haben. Außerdem können Bürger Sara Duterte persönlich unterstützen, ohne jede Position ihres Vaters zu teilen. Andere lehnen Marcos ab, ohne automatisch dem Duterte-Lager anzugehören.
Die Zwischenwahlen 2025 brachten nicht nur Erfolge für Duterte-nahe Kandidaten. Mit Bam Aquino und Kiko Pangilinan gewannen auch Politiker, die weder zum engeren Marcos- noch zum Duterte-Lager gehören, Sitze im Senat. Das zeigt, dass weiterhin Raum für andere politische Angebote besteht.
Das unterscheidet die Philippinen von einem verfestigten Zwei-Parteien-System, in dem fast jede nationale Wahlentscheidung zwischen denselben beiden Organisationen getroffen werden muss.
Das Amtsenthebungsverfahren als Belastungstest
Das Verfahren gegen Sara Duterte verstärkt die Lagerbildung besonders stark.
Für ihre Gegner geht es um die Kontrolle vertraulicher Mittel, mögliche Korruption, Transparenz und die Verantwortung einer hohen Amtsträgerin. Für viele Unterstützer Dutertes ist das Verfahren dagegen Teil eines politischen Versuchs, ihre Kandidatur für 2028 zu verhindern.
Beide Ebenen können gleichzeitig eine Rolle spielen: Ein Verfahren kann politisch folgenreich sein und dennoch berechtigte rechtliche Fragen behandeln. Umgekehrt beweist eine politische Motivation einzelner Beteiligter nicht automatisch, dass sämtliche Vorwürfe falsch sind.
Polarisierung entsteht, wenn diese Unterscheidung nicht mehr akzeptiert wird. Dann gilt jede belastende Aussage als Teil einer Verschwörung oder jede Verteidigung als Beweis der Schuld.
Ähnliches ist aus den USA bekannt, wo die Bewertung von Ermittlungen und Gerichtsverfahren gegen politische Spitzenfiguren stark davon abhängt, welchem Lager sich die Befragten zuordnen.
Außenpolitik wird ebenfalls Teil des Lagerkampfs
Der Konflikt betrifft zunehmend auch die außenpolitische Ausrichtung.
Präsident Marcos setzt auf eine engere Sicherheitskooperation mit den USA, Japan, Australien und europäischen Partnern und vertritt die philippinischen Positionen in der West Philippine Sea offensiver.
Rodrigo Duterte suchte während seiner Präsidentschaft eine stärkere Annäherung an China und stellte die amerikanische Bündnispolitik zeitweise infrage. Sara Duterte hat ihre künftige Außenpolitik bislang nicht in allen Einzelheiten festgelegt, wird aber politisch häufig mit dem Kurs ihres Vaters verbunden.
Dadurch kann die innenpolitische Lagerbildung langfristige Folgen für Verteidigungsabkommen, den Umgang mit China und die Position der Philippinen im Indopazifik haben. Die Trennlinie ist allerdings auch hier nicht vollständig: Nicht jeder Duterte-Anhänger unterstützt China, und nicht jede Kritik an Marcos bedeutet eine Ablehnung der Allianz mit den USA.
Erreichen die Philippinen amerikanische Dimensionen?
Bei der emotionalen Ablehnung der Gegenseite, bei personalisierten Feindbildern und beim Einfluss sozialer Medien nähert sich die philippinische Politik in Teilen den Verhältnissen in den USA an.
Bei der institutionellen und ideologischen Verfestigung besteht jedoch ein erheblicher Unterschied.
Die amerikanische Polarisierung entwickelte sich über Jahrzehnte innerhalb zweier stabiler Parteien. Sie beeinflusst Gesetzgebung, Mediennutzung, gesellschaftliche Milieus und politische Einstellungen zu nahezu allen wichtigen Themen.
Die philippinische Spaltung ist derzeit stärker von einem Machtkampf politischer Familien geprägt. Sie kann sehr intensiv sein, sich aber auch schneller verändern. Aus ehemaligen Verbündeten können Gegner werden, während bisherige Gegner neue Zweckbündnisse schließen.
Das macht die Lage nicht ungefährlicher. Eine personalisierte Polarisierung kann Institutionen ebenso beschädigen wie eine ideologische. Wenn jedes Gerichtsurteil, jede Untersuchung und jede Wahl nur noch als Sieg oder Niederlage des eigenen Lagers bewertet wird, sinkt die Bereitschaft, demokratische Entscheidungen zu akzeptieren.
Die Philippinen haben die amerikanische Form der Polarisierung noch nicht erreicht. Sie entwickeln jedoch eine eigene Variante: weniger parteigebunden, stärker dynastisch und regional – aber zunehmend emotional und gesellschaftlich spaltend.
Quellen: Pulse Asia Research; ISEAS – Yusof Ishak Institute/Fulcrum; Oxford University Press; Pew Research Center; Associated Press. RM







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